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Heute möchte ich eine meiner Lieblingsmethoden vorstellen, die in den 1980er Jahren erfunden wurde, und deren Wurzeln noch etwas älter sind.

Man stelle sich vor, eine Methode ermutigt einen, alle Zweifel, alle Diskussion, “Wenn und Abers” beiseite zu lassen und direkt dort einzusteigen, wo es im Alltag kaum möglich: Bei dem was wir uns wirklich wünschen, was wir als Vision vielleicht schon in uns tragen und was sich erst in einer offenen, kreativen Umgebung offenbart.

Robert Jungk, einer der ersten Zukunftsforscher, erfand in der Zeit des Kalten Krieges gemeinsam mit Norbert Müllert die bis heute bekannte Methode der „Zukunftswerkstätten“. Sie trieb das Interesse daran, Menschen aller Bildungsbereiche und sozialer Klassen demokratisch an der Gestaltung von Zukunftsprozessen teilhaben zu lassen. Dahinter steckte der implizite Wunsch, dezentrale, regionale Selbsthilfe zu aktuellen Themen zu ermöglichen.

Das heißt, jeder sollte Wünsche und Phantasien frei entfalten und die Welt um sich herum mitgestalten können. Die Methode wirkt dabei den repressiven Effekten entgegen, die normalerweise auftreten: Gesellschaft wird zentral gesteuert, Menschen denken wenig visionär etc.

Die Phasen im Ablauf einer Zukunftswerkstatt sind klar und einfach strukturiert:

Bedarfsweise führt eine Vorbereitungsphase zum Thema hin. Bei größeren Gruppen, die aus unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen bestehen, die sich vorher nicht kennen und keine Thema „teilen“, mag das z. B. die Hinführung zu einem gesellschaftlich relevanten Thema sein wie „Wie sieht die Gesellschaft 20 Jahre nach der Computerisierung aus?“ (echtes Beispiel einer Zukunftswerkstatt aus den 1980er Jahren; man erkennt sofort die Aktualität, wenn man „Computerisierung“ durch „Digitalisierung“ oder „AI“ ersetzt).

Phase Eins ist die sogenannte Beschwerde- und Kritikphase, die nicht zu lang gestaltet sein sollte, da die Methode lösungs- und nicht problemorientiert ist. Hier können die Dinge und Themen platziert werden, die Anstoß für eine gewünschte Änderung bieten.

Die wichtigste, zweite Phase ist die Phantasie- und Utopiephase, die ich gerne „Wunschhausen“ nenne (Dank an den Amsterdamer Kollegen Dr. Christian Roth, der mich darauf hingewiesen hat, dass Wunschhausen wohl nah an der „Hoff-Stadt“ liegen müsse! ;)). Hier wird alles notiert bzw. an die Wand geworfen, was sich die Teilnehmer wünschen. Die einzige Regel ist: Es gibt kein „Das geht ja gar nicht“ oder „Das ist unmöglich“. Das führt dazu, dass dort Visionen und Wünsche plastisch in den Raum treten, die man eigentlich nicht realistisch äußern würde.

Abgerundet wird der Prozess durch die Verwirklichungs- und Praxisphase, die behutsam den Transfer zwischen „Wunschhausen“ und „Realitätshausen“ einleitet. Dabei ist wichtig, dass die Visionen nicht unmittelbar gegen eine virtuelle Wand fahren („Jetzt haben wir uns was gewünscht und umsetzen geht so natürlich nicht.“) und als unrealistisch auf dem Stapel der Wünsche liegen bleiben; so würde nämlich nur Frustration entstehen und das Gefühl, noch weniger als geglaubt verändern zu können. Vielmehr geht es darum, zu erspüren, wo die Teilnehmer das meiste Potenzial sehen und womöglich Anfangspunkte. Der Schwerpunkt ist also die Utopiephase, „Wunschhausen“, es ist sogar möglich, alle anderen Phasen wegzulassen, wenn die Teilnehmer spontan auf Ideen kommen und keine Hinleitung zur Methode brauchen.

Gearbeitet wird von den Teilnehmern mit Moderationskarten, die an (Moderations)wänden befestigt werden und dort verschiebbar bleiben. Klassisch sind aber auch Papierbahnen an Wänden, die Methode lädt dazu ein, beliebiges Material “zur Schau zu stellen” und z. B. auf Wandtapeten Geschichten erzählen.

Erstaunlich ist, dass die sofortige psychologische Wirkung für den Moderator/Coach direkt feststellbar ist – die meisten Menschen lassen sich sehr gut ein auf das lösungsorientierte Arbeiten in Wunschhausen. Damit ähnelt die Methode natürlich der Arbeit heutiger Think Tanks.

Die Erfinder testeten die Methode sehr lange und mussten anfangs auch Rückschläge einstecken, z. B. dass den Teilnehmern nichts Positives einfiel. Sie fanden heraus, dass es animierend wirkte, die Teilnehmer nach den „Verhinderern“ positiver Entwicklungen zu fragen. Die Problem/Kritikphase kann also durchaus immer wieder punktuell auch genutzt werden, um ex negativo Positives zu denken.

Die Zukunftswerkstatt ist ursprünglich als Gruppenmethode gedacht, adaptiert funktioniert sie aber auch wunderbar in der Einzelarbeit (ggf. wird Feedback von außen, z. B. von Freunden eingeholt, und die Arbeit in mehrere Sessions verteilt).

Zeitlich lässt sich die Methode hervorragend anpassen und skalieren. Von der Kurzwerkstatt mit je 15 Minuten pro Phase bis zur Wochenend oder 5-Tage-Zukunftswerkstatt ist alles denkbar. Wichtig ist bei Gruppen, die sich vorher nicht kennen und kein gemeinsames Thema haben, zu Beginn eine Infophase, eine gemeinsame Besichtigung einzuplanen.

Da wo viele Menschen “zusammendenken”, kommt natürlich schnell die Frage auf, wie man die Ergebnisse sichert und teilt. Sollten alle beispielsweise zu Beginn “brainwriting” im Stillen betreiben, ist es wichtig, dass diese Ideen auch in Folge geteilt werden und die Gruppe sich gegenseitig inspiriert, Ideen weiterzuflechten. Sollte die Gruppe gemeinsam brainstormen, ist es wichtig, dass eine neutrale Person schreibt, die die Ergebnisse nicht filtert, bremst oder verformt. Wenn jeder schreibt und Ergebnisse frei an einer Wand platzieren kann, bekommt man allerdings in den allermeisten Fällen “demokratische” Ergebnisse.

Und zum Abschluss einige DOs und DON’Ts:

DOs:  
  • Fantasie
  • Freiheit
  • Wünsche
  • Utopie
  • Das Undenkbare denken (Kahn, Zizek)
  • viele Wortmeldungen
  • Experimentierfreude
  • Unangepasstheit
  • Wandlungsfreude
  • Verrücktes zulassen
  • Scheitern riskieren
  • Vielseitige Infos und Interessen teilen
  • Ideen weiterspinnen
  • Kreativität vor Logik
  • Unvoreingenommene Begegnung
  • Wilde Wucherung von Ideen zulassen
  • Freies Gedankenspiel
  • „Überspitzungen sind nützliche Herausforderungen“
  • Lockerungsübungen
  • Freie Inspiration


DON’Ts:  
  • Monologe
  • Grundsatzdiskussionen
  • Unmut
  • Ohnmacht
  • Bedrängendes
  • “Das geht ja eh nicht”
  • Im-Kreis-drehen
  • Kritik
  • “Ja, aber”
  • Gewohnte Denkgleise
  • Gewohnte Diskussionen
  • An das Machbare denken
  • Druck, etwas umzusetzen
  • Besitzanspruch an Ideen
  • Perfektionismus
  • „Konformitätsgefängnis“
  • Umsetzungsdruck


* Robert Jungk/Norbert R. Müllert: Zukunftswerkstätten, München 1994 (4. Auflage). (Erst-VÖ 1981)

Demnächst dann mehr zu “sozialen Erfindungen”, dem “Walesa-Effekt” und der sogenannten “Soziokratie”!