Ausgewählte Kategorie: Veränderung

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Dieser Beitrag findet sich in der 2. Iteration unseres Buches “Perspektiven der Agilität”, das gemeinsam beim Booksprint im ZKM Karlsruhe zwischen dem 25. und 27.1.2019 entstand. Iteration 3 ist in Planung, neue Mitstreiter*innen sind immer willkommen! (Mail an info@agile-booksprint.de)

 

Ich sitze gefühlt vor einer Milliarde Zeichen auf meinem iPad, die sich nicht mehr beherrschen lassen. Das fühlt sich vermutlich ziemlich „agil“ an, wollte man das Wort unnötig assoziativ aufladen. Lustigerweise ist es das schon, da macht es nichts mehr.

Ursprünglich wollte ich mich mit den Themenbereichen „Ideologie der Agilität“, „Post-Agilität“, „Zukunft der Agilität“ und „Dark Agile“ beschäftigen. Dabei bemerkte ich schon in Iteration 1 dieses Agile Book Sprints, dass ich inhaltlich Dinge gesammelt hatte, die ich nicht mehr notwendigerweise unter diesen Titel subsummieren konnte.

Meine Aufmerksamkeit galt den Manifesten. Und sie blieb dort hängen. Den „Rest“ muss ich entweder mit der Fusselbürste entfernen oder mit Bastelkleber adhäsieren.

Beobachtung 1: Die sprichwörtliche Steintafel, auf die sich Agilität letztendlich immer beziehen kann, ist das agile Manifest. Ein Manifest ist dem Lateinischen nach etwas „Handgreifliches“, etwas dass man be-greifen kann. Oft, wenn wir in der Historie zurückschauen, eine politische oder künstlerisch-ästhetische Absichts- und Zielerklärung, nach der sich andere richten sollen.

Beobachtung 2: Bei Manifest dachte ich früher nie an IT, Programmierung o.ä., sondern an politische Manifeste, die postulieren, man solle doch bitte die Welt ändern. Nicht unbekannt ist das „Kommunistische Manifest“ von Marx und Engels, sicher eines der wirksamsten Manifeste, die es je gab.

Das Buch beginnt mit dem Satz:
„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“

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Grob erinnern wir uns an das Ansinnen: Gesellschaftsentwicklung, industrielle Revolution, politische Revolution, Umkehrung der Verhältnisse: Arbeiter bekommen die Macht, Ideologie, kapitalistische Ausbeutung verhindern.

Beobachtung 3: Dass die Begründer des Agilen Manifests ausgerechnet die historisch-kulturelle Form des „Manifests“ gewählt haben, ist formal bedeutsam und für die Einordnung in kultureller Hinsicht relevant. Steckt doch so der revolutionäre Gedanke, der

Umbruch, das befolgbare Programm, die festgesteckte – man könnte sagen: ideologische – Zielrichtung der Begründer implizit schon mit im Agilen Manifest. Ein Schelm, wer in der Marxschen und Engelschen Masse, dem Proletariat, das agile Team sieht, das sich erhebt und die Kapitalisten an der Spitze der Pyramide stürzen will.

Beobachtung 4: Julian Rosefeldt hat einen wunderbaren Film mit dem Namen „Manifesto“ gedreht, die relativ bekannte Cate Blanchett spielt darin verschiedene bzw. alle wichtigen Rollen. Bebildert und inszeniert sind hier eigentlich „tote Worte“, nämlich Manifeste jeglicher Couleur, vom Kommunistischen Manifest (Politik) bis zum Dadaistischen Manifest (Kunst). Der Film lässt die Manifeste durch seine Inszenierung und seine Hauptdarstellerin wieder sprechen, wieder in die Gegenwart treten. Lustigerweise gibt es eine zusammenhängende Filmfassung, aber auch völlig kostenlos die einzelnen Szenen frei im Netz auf der Webseite des Regisseurs:

Julian Rosefeldt: Manifesto (Film)

https://www.julianrosefeldt.com/film-and-video-works/manifesto-_2014-2015/manifesto-pop-a rt-/

Betrachten wir als Beispiel ein sehr schönes Manifest, das im Film vorkommt, nämlich das Pop Art-Manifest, „I am for an art“ von C. Oldenburg.

CLAES OLDENBURG l Am for an Art (1961) (Auszug)

I am for an art that is political-erotical-mystical, that does something other than sit on its ass in a museum.
I am for an art that grows up not knowing it is art at all, an art given the chance of having a starting point of zero.

I am for an art that embroils itself with the everyday crap & still comes out on top.
I am for an art chat imitates the human, that is comic, if necessary, or violent, or whatever is necessary.
I am for an art that takes its form from the lines of life itself, that twists and extends and accumulates and spits and drips, and is heavy and coarse and blunt and sweet and stupid as life itself.
(…)

https://users.wfu.edu/~laugh/painting2/oldenburg.pdf

Wozu will uns das Manifest anstiften?

Beobachtung 5: Ohne eine letztendliche Antwort auf die voranstehende Frage geben zu wollen: Kunst soll etwas anderes machen. Sie soll nicht mehr in einer virtuellen Ebene spielen, sie soll politisch sein, sie soll anziehend sein, sie soll Tabus brechen, die Systemgrenze überschreiten. Man könnte sagen: Die Kunst soll sich nicht mehr den Hintern im Museum plattsitzen, sie soll raus in die Welt. Lustig, wo wir doch gerade den Book Sprint in der „Open Codes“ im ZKM Karlsruhe machen, wo das Museum sich nach außen öffnet, aber auch Teile von Digitalkultur und New Work absorbiert hat. Ohne dies weiter fortzuspinnen: Das Manifest fordert etwas oder jemanden dazu auf, sich zu transformieren oder eine Transformation voranzutreiben.

Kommen wir mal kurz zur Sache. Was steht nochmal im Agilen Manifest?

Manifest für Agile Softwareentwicklung

Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln,
indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen.
Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte zu schätzen gelernt:

Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlung Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans

Das heißt, obwohl wir die Werte auf der rechten Seite wichtig finden, schätzen wir die Werte auf der linken Seite höher ein.

https://agilemanifesto.org/iso/de/manifesto.html

Beobachtung 6: Das Agile Manifest schlägt eine Verlagerung der Werte und Prioritäten vor, indem es explizit Werte gegeneinander aufwiegt. Damit bekommen Werte, Abläufe und Strukturen aus der klassischen, hierarchischen Arbeitswelt, eigentlich der klassischen Softwareentwicklung eine geringere Gewichtung. Dass sich das Manifest dabei auf Softwareentwicklung bezieht und nicht auf andere Bereiche und Felder, scheint dabei heute zu vergessen – heute kann alles agil sein, vom Führungsverhalten (agile Leadership) bis zur Organisationsstruktur.

Wo ein Manifest ist, ist Widerstand nicht weit. Mittlerweile sind neben anderen auch zwei der Begründer des Agilen Manifests nicht mehr ganz einverstanden mit der kulturellen Auslegung und Auslebung der Agilität.

Dark Manifesto for Agile Software Development

We are uncovering betterthe onlyways of developing software by doing it and helpingteachingothers do it. Through this work we have come to value:
Individuals and interactions overand notprocesses and tools Working software overand notcomprehensive documentation Customer collaboration overand notcontract negotiation Responding to change overand notfollowing a plan

That is, whilesincethere is novalue in the items
on the right, we value onlythe items on the left more.

http://darkagilemanifesto.org/

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Um es kurz zu fassen: Nach dem Gartner Hype Life Cylcle hat Agilität seinen Zenit überschritten, und das passiert mit allen Technologien und Arbeitsparadigmen.

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Beobachtung 7: Huch, der Book Sprint ist fast rum, und das Lektorat steht noch an.

Folgendes Manifest will ich nichtsdestotrotz nicht verheimlichen, hat es doch seinen eigenen Humor und seine eigene praxisnahe Metaebene.

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http://www.halfarsedagilemanifesto.org

Zuguterletzt ein Versuch eines möglichen post-agilen Manifestos. Wobei noch nicht geklärt ist, ob „post“ ein „danach“ bezeichnet, das sich vom vorherigen abgrenzt/disruptiv ist – oder das Vorherige verändert, andere Vorzeichen setzt.

Ein Versuch: Post-agile manifesto

Wir beschäftigen uns mit der Agilisierung, um dessen gute Ansätze aus einer Entwicklung der Eingleisigkeit und des Hypes zu retten und wieder zu entgrenzen.
Durch diese praktische Tätigkeit als auch Metadenkweise haben wir die folgenden Werte zu schätzen gelernt und würden diese gerne zur freien „Bespielung“ freigeben:

Freies Denken und Weiterbildung des Individuums in gesundem Verhältnis zu kulturell verankerten Regelwerken

Humor, Spaß, Leichtigkeit und Askese in Relation zu Seriösität, Professionalität und einem ernsthaften Anliegen, etwas zu erschaffen und weiterzuentwickeln.

Gemeinschaft und Zusammenarbeit gleichermaßen wie individuelle Gedanken, konzentrierte Arbeit und mitreißende Einzelleistungen.

Blick über den Tellerrand und Vermögen und Lust sich weiterzuentwickeln und nicht stehenzubleiben oder statisch zu werden genauso wie die Ruhe, auch einmal an einem Punkt etwas in Ruhe zuende zu bringen und das Vermögen, Komplexität zu reduzieren.

Agile Werte, Prinzipien und Strukturen in dem Maße an eine Organisation anpassen, wie es für diese passt – und auch nur, wenn es für sie passt und einen Mehrwert ergibt.

tbc

Alter Schwede, sind wir stolz: Wir haben als Gruppe gemeinsam in 4 Tagen ein Buch über “Perspektiven der Agilität” geschrieben, und unsere book sprint-Methode haben wir ebenfalls agil-experimentell gestaltet. Einige Personen und Gruppen haben uns dabei spontan unterstützt, inspiriert und Statements, Antworten und Minibeiträge geliefert – Hammer, vielen Dank!

Daher ist heute Abend Version 0.18 des Buchs frei als pdf erhältlich unter http://agile-booksprint.de (Direktlink). Wir werden mit der Methode weitermachen und das Buch iterieren und weiterentwickeln, gerne mit Eurer Beteiligung! Das Buch wird also noch wachsen, mehr Themen abdecken und noch mehr gemeinsame Entwicklung werden. Freuen uns über Beteiligung, sind natürlich auch scharf darauf, die Methode weiterzutragen und auszutesten. Sprecht und einfach mal an: info@agile-booksprint.de

Freuen uns auf Euer Feedback! 

Anna, Christian, Janna, Martin und Nick

Heute ist Tag 3 unseres Book Sprints in Kooperation mit dem ZKM Karlsruhe. Bis morgen arbeiten wir noch live in der temporären Ausstellung „Learning takes place“ sowie remote am Thema „Perspektiven der Agilität“. Kritische, kreative, ungewöhnliche Sichtweisen auf diverse Aspekte der Agilität, mit unterschiedlichen Beiträger*innen. 

Hier mal ein kleiner Teaser aus dem Kapitel „Agile Fails“, man merkt, es fehlt unserem Projekt nicht an Humor und Ironie. 

Morgen Abend/Nacht soll das Pilot-Projekt dann enden, das Buch wird dann digital veröffentlicht mit Option auf Fortführung/Druckfassung usw.

Expo Shanghai 2010: Ein Film zeigt die Wandlung einer Industrie-, Hafen- und Werftstadt hin zur Kulturmetropole, die ihre Vergangenheit gekonnt transformiert hat. 

Den Film kann man heute im Museo Maritimo Bilbaos sehen, die zwei Leinwände werden parallel bespielt und das davor liegende Modell Bilbaos jeweils in den Distrikten beleuchtet, deren Transformationen gerade gezeigt werden.

Anker gesetzt für kulturelle Transformation: Das von Frank Gehry geplante und umgesetzte Guggenheim Museum im Stadtkern, direkt am Fluss, ist Besuchermagnet und Ausgangspunkt der Transformation, die andauert. Man spricht vom sogenannten “Bilbao-Effekt”.

Ich wage einmal einen hoffentlich inspirierenden Vergleich:

Wandel lässt sich planen, mit einer starken Vision und gemeinsam gestalteten Zielen ist eine fast unvorstellbare Wandlung und Umsetzungstärke erreichbar.

 

Alle Fotos: Dr. Christian Hoffstadt

Und damit meine ich gar nicht den Bereich der Architektur, des Städtebaus oder der Rekulturierung einer Industrieregion. Ich meine Unternehmenswandel: Wir vergessen oft die kulturelle Transformation, halten diesen Bereich für nicht greif- oder formbar, dabei haben wir oft viel zu große Scheu, Visionen von Menschen zuzulassen und an ihre Zusammenarbeit zu glauben. 

Natürlich sind die architektonischen Kriterien des Bilbao-Effekts nicht direkt übertragbar (zentrale Lage, Nähe von Gewässer, innovative Architektur, Provokation und spektakulär sein) – und auch im architektonischen Bereich nicht einfach “nachahmbar”, wie das Beispiel Wolfsburg zeigt. 

Steile These: Wir müssen aufhören, nachzuahmen, wir müssen den Mut haben, Teamkultur, Unternehmenskultur gestaltbar und transparent zu machen. Nur mal so als Inspiration.